25.01.2012
„Immobilien-Heuschrecken“ gefährden Stadtentwicklung
BFW-Geschäftsführer Dr. Becker beim Schettler-Empfang

Foto: Volkswirt Dr. Kurt Becker beim Schettler Neujahrsempfang (Foto Quickels)
Zum inzwischen 20. Mal empfing der Hertener Wohnungsunternehmer Rolf Schettler rund 80 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung zum Neujahrsempfang im Hertener CIRKEL. Das markante und als Ärztehaus bekannte Gebäude am südlichen Eingang der Fußgängerzone feiert in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen. Das Immobilienunternehmen Schettler war mit den wirtschaftlichen Ergebnissen des Jahres 2011 zufrieden. Die Mieterlöse konnten um 2,8 % gesteigert werden. Besonders erfreulich waren der Rückgang der Mietausfälle durch Leerstand und Mietrückstände um mehr als 25 %. Der durchschnittliche Leerstand einer Wohnung nach Kündigung betrug um Hause Schettler 2011 nur 2,6 Monate durchschnittlich (nach 3,8 Monaten in 2010). Mit einer Steigerungsrate von 10 % stiegen wiederum die Aufwendungen für Instandhaltung und Modernisierung der vorwiegend im Ruhrgebiet gelegenen Objekte des Unternehmens. Inzwischen gibt Schettler allein dafür mehr als 2 Mio. € jährlich aus.
Hauptreferent des Abends war der seit Jahresbeginn amtierende neue Geschäftsführer des BFW Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen NRW, der Volkswirt Dr. Kurt Becker aus Lünen. Becker war nach seiner Zeit als Doktorand und wissenschaftlicher Assistent an der Uni Dortmund zunächst bei einem großen Bauträgerunternehmen tätig, um dann als Analyst in die Kreditwirtschaft zu wechseln. Für die Westfälische Hypothekenbank in Dortmund hat er sich mit dem komplizierten Geschäft der Forderungsverbriefung und Strukturierung von Finanzierungen befasst, Themen die im Zuge der internationalen Finanzkrise in den Blickpunkt gerückt sind. Daher konnte Becker aus der Insider-Perspektive das Geschäftsmodell der sogenannten „Immobilien-Heuschrecken“ erläutern, neuer, vor allem angelsächsischer Investoren, die zwischen 2004 und 2008 den deutschen Immobilienmarkt als einzig aussichtsreiches Investitionsziel weltweit ausgemacht hatten. In dieser Zeit wurden große Wohnungsbestände von kommunalen bzw. landeseigenen und ehemals industrieverbundenen Wohnungsunternehmen mit hohem Krediteinsatz angekauft. Geplant waren ein Weiterverkauf von Wohnungen an die vormaligen Mieter und ein Ausstieg aus dem Investment nach ca. 5 Jahren. Durch Neubewertungen und andere Bilanzmaßnahmen wurden in den ersten Jahren nach der Übernahme auch ohne operative Gewinne Liquidität aus den Unternehmen entnommen, mit der Folge, dass der Mieterservice und vor allem die Instandhaltungsarbeiten rapide herabgesetzt wurden. Das kritisierte vor allem auch die Geschäftsführerin des Deutschen Mieterbundes NRW, Rechtsanwältin Elisabeth Gendziorra. Sie sprach von einer inakzeptablen Situation für große Teile der Mieter dieser neuen Finanzinvestoren. Die Landtagsabgeordnete Margret Gottschlich (SPD) wollte vom Referenten wissen, wie die neuen Finanzinvestoren mit ihren Leerständen und dem massiven Modernisierungsstau ihrer Wohnanlagen umgehen. Beckers Prognose war hier eher pessimistisch: „Diese Investoren werden kein Geld mehr für Sanierungen in die Hand nehmen und auch die finanzierenden Banken bzw. Kapitalanleger stehen mit dem Rücken an der Wand!“ Allerdings, so Becker, sei auch der Ruf nach Subventionen für einen Rückkauf dieser großen Immobilienpakete völlig unrealistisch. Weder die Kommunen noch das Land NRW können derartige finanzielle Belastungen stemmen. Realistisch, so Becker, wäre allenfalls ein Verkauf regional gegliederter Objektgruppen an nachhaltig orientierte in- und ausländische Investoren, die sich dauerhaft an Mieterträgen und nicht an spekulativen Verkaufserlösen orientieren. Wenn es nicht so bitter wäre, ganze Straßenzüge verkommen zu sehen, müsste man die Bestände in Ruhe in die Zwangsversteigerung gehen lassen, bis sie dann auf einen relaistischen Marktwert herunterkommen. Dies sei allerdings städtebaulich noch gesellschaftspolitisch akzeptabel.